Warum Stille eine Super Power ist - und wir sie im modernen Alltag unterschätzen


Die Welt, in der wir leben, ist laut. Hör an dieser Stelle mal hin. Vielleicht läuft bei dir jetzt gerade Musik oder ein Podcast? Der Fernseher? Vielleicht hörst du Straßenlärm von draußen, den Wind … das Surren des Computers oder der Deckenleuchte. Dazu kommt ab und zu (nicht so selten) das Vibrieren oder das „Ping“ des Smartphones. Wir wachen mit dem Wecker auf und schlafen beim Netflixen ein. Wir telefonieren, unterhalten uns und ein gewisses Grundrauschen ist immer da - kurz: Stille ist eine ziemlich seltene Ressource geworden.


Stille als Ressource für Ruhe und Stärke, Fokus und Klarheit


Was dazu führt, dass wir sie erstens nicht gewohnt sind. Und sie uns deshalb zweitens komisch, unangenehm, langweilig oder sogar beängstigend vorkommen kann. Aber eine Ressource ist Stille tatsächlich. Für innere Ruhe und Stärke, für Fokus und Klarheit.


Sag mal einem Radiomenschen "sei einen Tag lang komplett still"


Ich erinnere mich an meine Ausbildung zum Achtsamkeitscoach. Ein Tag der Stille gehörte auch dazu. Das bedeutet: einen kompletten Tag im Schweigen verbringen und das hatte ich vorher noch nie gemacht. Im Gegenteil: als Radiojournalistin, sind Sprechen, Hören und Musik schon immer mein Ding gewesen. Dazu die Spielregel: keine Musik, kein Smartphone, kein Lesen, keine Arbeit, keine Unterhaltung oder Ablenkung. Ich kann an dieser Stelle sagen: ich war eher semi-begeistert. Ich war skeptisch. Aber ich wollte es ausprobieren.

Einen Tag in Stille zu verbringen, bedeutet erstmal Organisation. Einen Tag freinehmen bei der Arbeit, den Tagesbeginn so organisieren, dass ich zu Hause auf Niemanden treffe (kurz: der Mann musste das Haus verlassen, bevor ich aufstehen wollte).


Und dann?


Folgte ein freier Tag in Stille: silent meditations, silent yoga, silent walking, silent baking, silent tea drinking, silent non-doing. Am Ende des Tages hab ich mich ruhig, bei mir selbst, zufrieden und stolz gefühlt und mir war klar: Stille ist echt ziemlich wertvoll. Und eine Ressource, die im modernen Alltag unterschätzt wird.


Warum wir Stille im modernen Alltag unterschätzen


In der Stille siehst du das, was dich beschäftigt und bewegt, in höherer Auflösung. Dadurch, dass du aber auch alle anderen Reize und Ablenkungen ausschaltest, entwickelt sich durch die Stille im Außen auch eine Stille im Inneren. Du bemerkst, wie das Gedankenkarussell im Kopf mit der Zeit ruhiger wird. Und das ist nicht nur mein Eindruck.


Was sagt die Wissenschaft? Neue Verbindungen für's Gehirn


Ein Experiment (mit Mäusen) aus dem Jahr 2013 zeigt, dass Stille die Bildung von neuen Nervenzellen im Gehirn stärker anregt als wenn wir von anderen akustischen Reizen, wie zum Beispiel klassischer Musik oder Alltagsgeräuschen, umgeben sind. Genauer: im Hippocampus, das ist der Teil des Gehirns, der unter anderem mit Lernen, Emotionen, sensorischer Wahrnehmung und Gedächtnisbildung zusammenhängt. (Quelle 1, s. unten)


Entspannter als mit Entspannungs-Musik


Eine andere Studie aus 2005 sagt, dass zwei Minuten Stille sogar eine entspannendere Wirkung auf den Körper haben als meditative Entspannungsmusik. Gemessen worden ist hier die Veränderung (beim Vergleich: Musik - Stille) des Blutdrucks, des Pulsschlags und der Atmung. (Quelle 2, s. unten)

Switch off - turn on silence!


Es muss natürlich nicht direkt eine ganze Woche im Schweigekloster sein. Kleine Stille-Pausen im Alltag können schon echt gut tun und einen Effekt haben. Auch, wenn es dir zuerst ungewohnt vorkommt. Auch bei meinem Slow Winter Achtsamkeits-Tages-Retreat in Dortmund am 12. Dezember 2021 lade ich dich ein, Momente der Stille zu erleben. Der Tag enthält Silent Parts, also Abschnitte, die wir in Stille verbringen (zum Beispiel Meditation, Journaling, Walking) und ist damit eine Einladung an dich, das mal mit Leichtigkeit und Neugier auszuprobieren. Der Retreat lässt dich bewusst langsamer werden und gibt dir außerdem Impulse zum Jahresende. Klick hier für alle Infos.



Quelle 1: Imke, Kronenberg et al, 2013, Is silence golden? Effects of auditory stimuli and their absence on adult hippocampal neurogenesis


Quelle 2: Bernadi, Porta et al., 2005, Cardiovascular, cerebrovascular, and respiratory changes induced by different types of music in musicians and non-musicians: the importance of silence